Wenn wir an groรe Namen der Naturforschung denken, fallen oft zuerst mรคnnliche Wissenschaftler. Doch gerade in der Herpetologie โ der Lehre von Reptilien und Amphibien โ haben Frauen trotz gesellschaftlicher Hรผrden Bedeutendes geleistet.
Zum heutigen Anlass โFrauen in der Wissenschaftโ mรถchten wir zeigen, dass es auch Frauen waren, die unsere Kenntnisse รผber Reptilien und Amphibien nachhaltig geprรคgt haben.
Jรคhrlich am 11. Februar wird der Internationale Tag der Frauen und Mรคdchen in der Wissenschaft begangen.ย Dieser Gedenktag wird seit 2016 von der UNESCO und UN Women organisiert und soll daran erinnern, dass Frauen und Mรคdchen in Wissenschaft und Technologie eine wichtige Rolle spielen — aber ihr Anteil in den MINT-Fรคchern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) noch immer zu gering ist. Daher soll die vermehrte Aufmerksamkeit verbunden mit vielen Veranstaltungen helfen, mehr Frauen in diese Themen zu bringen.

๐ Joan Beauchamp Procter (1897โ1931)
Eine der beeindruckendsten Herpetologinnen des frรผhen 20. Jahrhunderts war die britische Zoologin Joan Beauchamp Procter.
Sie wurde als erste weibliche Kuratorin fรผr Reptilien am British Museum (Natural History) berufen und arbeitete spรคter am Londoner Zoo. Besonders bekannt wurde sie fรผr ihre Arbeit mit Komodowaranen โ zu einer Zeit, als รผber diese Tiere noch kaum Wissen existierte.
Sie entwarf auรerdem das damals revolutionรคre Reptilienhaus im Londoner Zoo โ ein Meilenstein fรผr artgerechtere Haltung und wissenschaftliche Beobachtung.
Der Londoner Zoo erzรคhlt die Geschichte ihres Reptilienhauses hier. Bahnbrechendes Detail:
Das Design von Joan Protcters Reptilienhaus umfasste โVita-Glasโ, das die von den Reptilien benรถtigte natรผrliche UV-Strahlung lieferte und zu dieser Zeit ein Hightech-Konzept war.
Denn dank ihrer genauen Kenntnisse der Biologie der Tiere wusste sie bereits damals, dass UV-Licht unverzichtbar war fรผr die Gesundheit der Tiere!

๐ธ Mary Cynthia Dickerson (1866โ1923)
Mary Cynthia Dickerson war die erste Kuratorin fรผr Herpetologie am American Museum of Natural History. Sie baute dort die Herpetologie-Abteilung auf und beschrieb zahlreiche neue Arten, darunter allein รผber zwanzig neue Reptilienarten.
Ihr Werk โThe Frog Bookโ wurde zu einem Standardwerk der Amphibienkunde โ fundiert, prรคzise und zugleich zugรคnglich geschrieben. Leider litt ihre Gesundheit unter zu vielen Aufgaben als Lektrorin und im Museum und sie starbe mit nur 57 Jahren.
Ihr Werk aber lebt weiter. Neugierig? Dank Digitalisierung durch das Internt Archive kann man hier frei durch „Das Frosch-Buch“ (englischsprachiges Original) blรคttern.
Und hier gibt es ein Video eines — ebenfalls englischsprachigen — Vortrages zur der Forscherin:

๐ฆ Helen Thompson Gaige (1890โ1976)
Am Museum of Zoology der University of Michigan widmete sich Helen Thompson Gaige รผber Jahrzehnte der Erforschung von Amphibien und Reptilien.
Sie leistete wichtige Beitrรคge zur Taxonomie und Feldforschung und war in einer Zeit aktiv, in der wissenschaftliche Karrieren fรผr Frauen alles andere als selbstverstรคndlich waren.
Fรผr ihre Forschung reiste sie viel; auf einer Forschungsreise in Panama verlor sie durch eine Fehlzรผndung ihres Gewehrs einen Finger und starb fast an Tetanus in dem unwegsamen Gelรคnde, in dem sie auf der Suche nach Entdeckungen unterwegs war. Nur dadurch, dass das lebensrettende Medikament aus einem Flugzeug abgeworfen wurde, konnte sie รผberleben. Ihrem Forschungseifer (und auch ihrer Reisebereitschaft) tat der Vorfall keinen Abbruch.
Hier wird ihre Geschichte erzรคhlt (in Englisch, รbersetzer benutzen, ist wirklich spannend!): The Improbable Herpetologist (in etwa „Die ungewรถhnliche Herpetologin“).

๐ Dr. Earyn McGee
Sprung in die Gegenwart: Die moderne Herpetologie wird — zumindest in den USA — unter anderem von Dr. Earyn McGee geprรคgt.
Als Wissenschaftlerin und Wissenschaftskommunikatorin macht sie mit Projekten auf Reptilien aufmerksam โ niedrigschwellig, รถffentlichkeitswirksam und inklusiv. Ein Beispiel ist #FindThatLizard: Unter diesem Hashtag verรถffentlichte Dr. McGee auf Tritter (heute X) regelmรครig Suchbilder, auf denen es einen Salamander oder รคhnliches Tier zu entdecken galt. Auf diese Art schulte sie den Blick fรผr diese allzu oft รผbersehenen Tiere. Die Bilder sind nach wie vor auffindbar unter dem Hashtag — einfach mal selbst ausprobieren. Das macht Spaร udn ist hรคufig echt schwierig!
Neben ihrer Forschung und Kommunikationsarbeit setzt sich McGee zudem aktiv fรผr mehr Diversitรคt im naturwissenschaftlichen Bereich ein. Auf ein Promo-Video von Discovery, das praktisch nur (weiรe) Mรคnner enthielt, beteiligte sie sich an einem „Gegen-Video“ der Biologin Sarah McAnulty sowie der Hashtag-Aktion #ScienceIsForEveryone auf X, die Wissenschaftlerinnen sichtbarer machen sollte.
Mehr zu ihren Aktivitรคten findet sich u.a. auf ihrer eigenen Website.
๐ Global Women in Herpetology (internationales Herpetologinnen-Netwerk)
Ein inspirierendes Beispiel fรผr internationale Vernetzung ist das Projekt Global Women in Herpetology, gegrรผndet von
- Dr. Sinlan Poo (Taiwan)
- Dr. Itzue Caviedes-Solis (Mexiko)
- Dr. Umilaela Arifin (Indonesien)
Ziel ist es, die Geschichten von Reptilien- und Amphibienforscherinnen weltweit sichtbar zu machen โ und jungen Wissenschaftlerinnen Vorbilder zu geben. Deutschland ist hierin vertreten von Dr. Katharina Ruthsatz. Das Netzwerk hat ein tolles Buch herausgebracht, in dem 50 Herpetologinnen aus der ganzen Welt ihre Geschichte erzรคhlen.

๐ฟ Maria Sibylla Merian (1647โ1717)
Beenden wollen wir die Liste mit der berรผhmtesten „Ur-Ahnin“ der Biologie: Maria Sibylla Merian.
Lange vor der modernen Herpetologie beobachtete und illustrierte Maria Sibylla Merian Tiere in ihrem natรผrlichen Lebensraum — und das zu einer Zeit, da dies selbst fรผr Mรคnner noch ausgesprochen ungewรถhnlich war! Dennoch hatte sie das Glรผck, dass ihre Leistungen schon zu ihren Lebzeiten sehr anerkannt wurden.
Als kรผnstlerisch sehr begabte Person, die zudem vom Stiefvater in Malerei ausgebildet worden war, waren vor allem Insekten und ihre verschiedenen Entwicklungsstadien ihr Steckenpferd. Wรคhrend ihrer Expedition nach Suriname dokumentierte sie allerdings neben Insekten auch Reptilien โ naturgetreu, detailreich und wissenschaftlich wertvoll. Und immer zeigte sie die Motive nicht nur passiv, „tot daliegend“, sondern lebendig im natรผrlichen Verhalten (wenn auch vielleicht tw. etwas ausgeschmรผckt). Wie beispielsweise den im Titel dargestellten „Kaiman mit Korallenschlange“ (Quelle: Wikimedia, CC BY-SA 4.0).
Maia Sibylla Merian war eine der ersten Frauen, die Naturforschung als eigenstรคndige wissenschaftliche Tรคtigkeit betrieb!
Warum das heute wichtig ist
Die Geschichte der Herpetologie zeigt:
Wissenschaft lebt von Neugier, Beobachtungsgabe und Leidenschaft โ nicht vom Geschlecht.
Gerade in der Reptilien- und Amphibienkunde, die hรคufig mit Feldarbeit, Expeditionen und Spezialwissen verbunden ist, haben Frauen trotz struktureller Barrieren Groรes geleistet โ und tun es bis heute.
Als Teil einer Branche, die sich tรคglich mit Reptilien, Amphibien und ihren Lebensbedingungen beschรคftigt, mรถchten wir diesen Forscherinnen unseren Respekt aussprechen.
Ohne ihre Arbeit wรผssten wir heute deutlich weniger รผber Verhalten, Systematik, Schutz und artgerechte Haltung dieser faszinierenden Tiere.


