Allgemein, Terraristik

Pionierinnen der Herpetologie

Titelbild Herpetologinnen

Wenn wir an große Namen der Naturforschung denken, fallen oft zuerst männliche Wissenschaftler. Doch gerade in der Herpetologie – der Lehre von Reptilien und Amphibien – haben Frauen trotz gesellschaftlicher Hürden Bedeutendes geleistet.

Zum heutigen Anlass „Frauen in der Wissenschaft“ möchten wir zeigen, dass es auch Frauen waren, die unsere Kenntnisse über Reptilien und Amphibien nachhaltig geprägt haben.


🐉 Joan Beauchamp Procter (1897–1931)

Eine der beeindruckendsten Herpetologinnen des frühen 20. Jahrhunderts war die britische Zoologin Joan Beauchamp Procter.

Sie wurde als erste weibliche Kuratorin für Reptilien am British Museum (Natural History) berufen und arbeitete später am Londoner Zoo. Besonders bekannt wurde sie für ihre Arbeit mit Komodowaranen – zu einer Zeit, als über diese Tiere noch kaum Wissen existierte.

Sie entwarf außerdem das damals revolutionäre Reptilienhaus im Londoner Zoo – ein Meilenstein für artgerechtere Haltung und wissenschaftliche Beobachtung.

Der Londoner Zoo erzählt die Geschichte ihres Reptilienhauses hier. Bahnbrechendes Detail:

Das Design von Joan Protcters Reptilienhaus umfasste „Vita-Glas“, das die von den Reptilien benötigte natürliche UV-Strahlung lieferte und zu dieser Zeit ein Hightech-Konzept war.

Denn dank ihrer genauen Kenntnisse der Biologie der Tiere wusste sie bereits damals, dass UV-Licht unverzichtbar war für die Gesundheit der Tiere!


Mary Cynthia Dickerson (Wikipedia)

🐸 Mary Cynthia Dickerson (1866–1923)

Mary Cynthia Dickerson war die erste Kuratorin für Herpetologie am American Museum of Natural History. Sie baute dort die Herpetologie-Abteilung auf und beschrieb zahlreiche neue Arten, darunter allein über zwanzig neue Reptilienarten.

Ihr Werk „The Frog Book“ wurde zu einem Standardwerk der Amphibienkunde – fundiert, präzise und zugleich zugänglich geschrieben. Leider litt ihre Gesundheit unter zu vielen Aufgaben als Lektrorin und im Museum und sie starbe mit nur 57 Jahren.

Ihr Werk aber lebt weiter. Neugierig? Dank Digitalisierung durch das Internt Archive kann man hier frei durch „Das Frosch-Buch“ (englischsprachiges Original) blättern.

Und hier gibt es ein Video eines — ebenfalls englischsprachigen — Vortrages zur der Forscherin:

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🦎 Helen Thompson Gaige (1890–1976)

Am Museum of Zoology der University of Michigan widmete sich Helen Thompson Gaige über Jahrzehnte der Erforschung von Amphibien und Reptilien.

Sie leistete wichtige Beiträge zur Taxonomie und Feldforschung und war in einer Zeit aktiv, in der wissenschaftliche Karrieren für Frauen alles andere als selbstverständlich waren.

Für ihre Forschung reiste sie viel; auf einer Forschungsreise in Panama verlor sie durch eine Fehlzündung ihres Gewehrs einen Finger und starb fast an Tetanus in dem unwegsamen Gelände, in dem sie auf der Suche nach Entdeckungen unterwegs war. Nur dadurch, dass das lebensrettende Medikament aus einem Flugzeug abgeworfen wurde, konnte sie überleben. Ihrem Forschungseifer (und auch ihrer Reisebereitschaft) tat der Vorfall keinen Abbruch.

Hier wird ihre Geschichte erzählt (in Englisch, Übersetzer benutzen, ist wirklich spannend!): The Improbable Herpetologist (in etwa „Die ungewöhnliche Herpetologin“).


🌍 Dr. Earyn McGee

Sprung in die Gegenwart: Die moderne Herpetologie wird — zumindest in den USA — unter anderem von Dr. Earyn McGee geprägt.

Als Wissenschaftlerin und Wissenschaftskommunikatorin macht sie mit Projekten auf Reptilien aufmerksam – niedrigschwellig, öffentlichkeitswirksam und inklusiv. Ein Beispiel ist #FindThatLizard: Unter diesem Hashtag veröffentlichte Dr. McGee auf Tritter (heute X) regelmäßig Suchbilder, auf denen es einen Salamander oder ähnliches Tier zu entdecken galt. Auf diese Art schulte sie den Blick für diese allzu oft übersehenen Tiere. Die Bilder sind nach wie vor auffindbar unter dem Hashtag — einfach mal selbst ausprobieren. Das macht Spaß udn ist häufig echt schwierig!

Neben ihrer Forschung und Kommunikationsarbeit setzt sich McGee zudem aktiv für mehr Diversität im naturwissenschaftlichen Bereich ein. Auf ein Promo-Video von Discovery, das praktisch nur (weiße) Männer enthielt, beteiligte sie sich an einem „Gegen-Video“ der Biologin Sarah McAnulty sowie der Hashtag-Aktion #ScienceIsForEveryone auf X, die Wissenschaftlerinnen sichtbarer machen sollte.

Mehr zu ihren Aktivitäten findet sich u.a. auf ihrer eigenen Website.


🌎 Global Women in Herpetology (internationales Herpetologinnen-Netwerk)

Ein inspirierendes Beispiel für internationale Vernetzung ist das Projekt Global Women in Herpetology, gegründet von

  • Dr. Sinlan Poo (Taiwan)
  • Dr. Itzue Caviedes-Solis (Mexiko)
  • Dr. Umilaela Arifin (Indonesien)

Ziel ist es, die Geschichten von Reptilien- und Amphibienforscherinnen weltweit sichtbar zu machen – und jungen Wissenschaftlerinnen Vorbilder zu geben. Deutschland ist hierin vertreten von Dr. Katharina Ruthsatz. Das Netzwerk hat ein tolles Buch herausgebracht, in dem 50 Herpetologinnen aus der ganzen Welt ihre Geschichte erzählen.


Maria Sibylla Merian (Wikipedia)

🌿 Maria Sibylla Merian (1647–1717)

Beenden wollen wir die Liste mit der berühmtesten „Ur-Ahnin“ der Biologie: Maria Sibylla Merian.

Lange vor der modernen Herpetologie beobachtete und illustrierte Maria Sibylla Merian Tiere in ihrem natürlichen Lebensraum — und das zu einer Zeit, da dies selbst für Männer noch ausgesprochen ungewöhnlich war! Dennoch hatte sie das Glück, dass ihre Leistungen schon zu ihren Lebzeiten sehr anerkannt wurden.

Als künstlerisch sehr begabte Person, die zudem vom Stiefvater in Malerei ausgebildet worden war, waren vor allem Insekten und ihre verschiedenen Entwicklungsstadien ihr Steckenpferd. Während ihrer Expedition nach Suriname dokumentierte sie allerdings neben Insekten auch Reptilien – naturgetreu, detailreich und wissenschaftlich wertvoll. Und immer zeigte sie die Motive nicht nur passiv, „tot daliegend“, sondern lebendig im natürlichen Verhalten (wenn auch vielleicht tw. etwas ausgeschmückt). Wie beispielsweise den im Titel dargestellten „Kaiman mit Korallenschlange“ (Quelle: Wikimedia, CC BY-SA 4.0).

Maia Sibylla Merian war eine der ersten Frauen, die Naturforschung als eigenständige wissenschaftliche Tätigkeit betrieb!


Warum das heute wichtig ist

Die Geschichte der Herpetologie zeigt:
Wissenschaft lebt von Neugier, Beobachtungsgabe und Leidenschaft – nicht vom Geschlecht.

Gerade in der Reptilien- und Amphibienkunde, die häufig mit Feldarbeit, Expeditionen und Spezialwissen verbunden ist, haben Frauen trotz struktureller Barrieren Großes geleistet – und tun es bis heute.

Als Teil einer Branche, die sich täglich mit Reptilien, Amphibien und ihren Lebensbedingungen beschäftigt, möchten wir diesen Forscherinnen unseren Respekt aussprechen.

Ohne ihre Arbeit wüssten wir heute deutlich weniger über Verhalten, Systematik, Schutz und artgerechte Haltung dieser faszinierenden Tiere.

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